Interview mit Helga Sauerwein
Immer gemacht, was sie interessierte: Heute ist Helga Sauerwein Professorin
Für Helga Sauerwein öffnete der Leistungskurs Biologie/Chemie bei Herrn Wagner Horizonte. Nach dem Abitur studierte sie Agrarwissenschaften aufgrund ihres Interesses an Biologie, Natur und Umweltthemen. Heute ist sie Professorin für Physiologie und Hygiene im Institut für Tierwissenschaften an der Universität Bonn und forscht zu Themen der Balance zwischen Leistung und Gesundheit von Nutztieren. Helga Sauerwein empfiehlt den heutigen Abiturienten ihr Studium beziehungsweise ihre Ausbildung ausschließlich nach den eigenen Interessen auszuwählen.
1. Zeit am VHG/Mädchengymnaium Lindau: An was erinnerst du dich sehr gerne zurück?
Leistungskurs Englisch bei Herrn Korn, Leistungskurs Biologie/Chemie bei Herrn Wagner, die damalige Freundinnen in den verschiedenen Klassen/Jahrgangsstufen, „kleine Fluchten“ an den Bach entlang des MäGy, Mitmachen bei der Orff-Gruppe.
2. Welches Erlebnis am VHG/Mädchengymnasium hat dich besonders geprägt?
Schwer zu sagen, ich denke nicht, dass es einzelne Erlebnisse gab, die prägend waren. Im Sinne von „Horizonte öffnen“ war aber für mich der Leistungskurs Biologie/Chemie bei Herrn Wagner sehr einflussreich. Die Kombination von wissenschaftlicher Exaktheit, spürbarem Interesse an der Natur (Vogelstimmen!) und durchdachten, sehr reflektierten Meinungen zu allen möglichen Themen (nicht nur der Biologie) war für mich faszinierend und hat wahrscheinlich meine weitere Laufbahn mehr beeinflusst als ich bewusst in den Jahren nach dem Abi gedacht habe.
3. Was war dein größter Traum nach dem Abitur?
Ich hatte eigentlich keinen „großen Traum“. Ich war ziemlich unentschieden was ich machen wollte, was ich nicht wollte, war mir viel klarer. Damals, 1979, kamen Umweltschutzthemen immer mehr in die öffentliche Diskussion, die Grünen wurden als politische Kraft allmählich anerkannt und Sprüche wie „Arbeite um zu leben aber lebe nicht um zu arbeiten“ waren ziemlich zentral, wobei die Vorstellungen von „leben“ aber nur schwammig waren. Ich habe letztlich schon noch einige Jahre gebraucht um meine Interessensschwerpunkte zu finden und meine Lebensart zu entwickeln.
4. Warum hast du Agrarwissenschaften mit der Fachrichtung Tierwissenschaften studiert?
Meine Studienwahl war durch mein Interesse an der Biologie, an Natur und an Umweltthemen bedingt. Die nachhaltige Produktion von Lebensmitteln, Biolandwirtschaft, Tierhaltung – das waren die Themen, weshalb ich mich dann für Agrarwissenschaften eingeschrieben habe. Das Grundstudium war dann allerdings reichlich desillusionierend, erst im Hauptstudium, als ich mich auf die Fachrichtung Tierwissenschaften spezialisiert hatte, war ich überzeugt, das Richtige zu studieren. Ich muss aber zugeben, dass ich auch damals noch überhaupt keine Vorstellung hatte, was für ein Beruf daraus werden könnte. Durch die gewählte Fächerkombination und durch die ersten Erfahrungen im Labor bei der Diplomarbeit traten dann die wissenschaftlichen Aspekte in den Vordergrund. Nach dem Studium stand dann für mich fest, dass ich in der Forschung bleiben wollte.
5. Heute bist du Professorin für Physiologie und Hygiene im Institut für Tierwissenschaften an der Universität Bonn. Wie kam es dazu?
Die akademischen Schritte hierzu waren recht klassisch: Doktorarbeit, PostDoc-Phase im englischsprachigen Ausland, Habilitation und schließlich auf eine meiner ersten Bewerbungen auf eine Professur, 1998 der Ruf nach Bonn. Inhaltlich waren die Forschungsthemen immer am Nutztier ausgerichtet, ich habe über die hormonelle Regulation des Wachstums gearbeitet, und diesen Themenbereich sowohl in der Breite als auch in der Tiefe ausgebaut. Die Faszination und der Spaß an der Arbeit waren immer präsent, wobei klar sein muss, dass eine 40-Stunden Woche nicht reicht, um diesen Weg erfolgreich gehen zu können.
6. Was ist dein heutiger Forschungsschwerpunkt? Und warum dieser?
Im Wesentlichen geht es bei meinen Forschungsthemen heute um die Balance zwischen der Leistung von Nutztieren (Milchleistung, Wachstumsleistung, Fortpflanzungsleistung) und deren Gesundheit. Die meisten Arbeiten sind auf hochleistende Milchkühe konzentriert, zum Teil arbeiten wir mit kleinen Wiederkäuern als Modell. Die regulativen Prozesse, die die Anpassung des Stoffwechsels an die Laktation ermöglichen, sind hierbei mein Schwerpunkt, im Detail geht es um Hormone und Zytokine, die aus dem Fettgewebe sezerniert werden. Das sind Themen, die sich größtenteils im Bereich der Grundlagenforschung abspielen; durch den Gegenstand der Forschung, das Nutztier, haben sie natürlich auch angewandte Aspekte.
Die Begründung des Forschungsschwerpunkts ergibt sich aus der Notwendigkeit einer effizienten Nahrungsmittelproduktion. Weil hochleistende Tiere die verfügbaren Ressourcen besser nutzen, sind sie besser geeignet, gleichzeitig müssen aber gesundheitliche Aspekte und natürliche Leistungsgrenzen berücksichtigt werden. Um das tun zu können, müssen diese aber bekannt sein – und daran arbeiten wir.
7. Was ist heute dein größter Wunsch?
Dass wir alle auf der Welt bewusster und überlegter mit allen Ressourcen umgehen und den Wert von Natur und Umwelt nicht für die ökonomischen Interessen Einzelner opfern. Sowie dass Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit nicht nur Schlagwörter sind.
8. Was würdest du den heutigen Abiturienten empfehlen?
Die Wahl des Studiums beziehungsweise der weiteren Ausbildung nach den Interessen, nicht nach den Karrierechancen, nicht nach bestehenden Bindungen auszurichten. Sich für die eigenen Ziele ernsthaft zu engagieren und den späteren Beruf nicht nur als Mittel zum Geldverdienen sehen, sondern die Aspekte der persönliche Entfaltungsmöglichkeiten sowie der Umsetzung übergeordneter Ziele berücksichtigen

