Interview mit Monika Gerstendörfer

Monika Gerstendörfer (Abi 1976) erinnert sich an ihre Schulzeit am VHG gerne zurück, da sie damals einiges für ihr Leben dort lernte. Das Studium von Sprachen und Psychologie vor allem im Ausland brachte sie persönlich weiter. Nach neunjähriger Tätigkeit für IBM ist Monika heute Pressesprecherin der Lobby für Menschenrechte e.V. und freie Autorin. Ihr Schlüsselerlebnis sich für die Rechte der Frauen einzusetzen waren u.a. Fotos von einer jungen Kurdin mit abgeschnittenen Brüsten. 2005 wurde sie mit den "1000 Women for Peace" für den Friedensnobelpreis nominiert. Das Interview mit Monika führte Alexander.

1. Zeit am VHG/ Mädchengymnasium Lindau: An was erinnerst Du Dich sehr gerne zurück?

An die sportlichen Zeiten mit meiner Schulfreundin Andrea Unger. Wir haben - so ab der 11ten Klasse - die Mittagspausen auf dem Sportplatz gegenüber verbracht, erst trainiert, dann haben wir es uns gemütlich gemacht, unsere Brote ausgepackt und Pläne geschmiedet oder einfach geratscht.

Drea ist mir geblieben. Auch wenn wir uns 10 Jahre nicht gesehen haben, so können wir doch sofort wieder miteinander. Da ist einfach ein Draht; etwas, das uns seit unserer Schulzeit ganz fest verbindet.

2. Welches Erlebnis am VHG/Mädchengymnasium hat Dich besonders geprägt?

In der 12ten oder 13ten Klasse kam am ersten Schultag der Sozialkundelehrer rein (den kannten wir schon...) und polterte gleich los: "Mir wurde zugetragen, dass einige der Damen Angst vor mir haben! Das wollen wir doch gleich mal überprüfen!" Dann schritt er Reihe für Reihe ab, blieb vor jeder Schülerin stehen, zeigte mit dem Finger auf sie und fragte in einem unverschämten Ton: "Haben Sie Angst vor mir?" Die jungen Frauen nickten jeweils.

Ich bebte vor Wut... Dann kam die Mitschülerin neben mir dran. Wieder das gleiche Spielchen: der lange Zeigefinger auf sie und die Frage. Ich weiß noch sehr genau, dass ich dachte: Wage es nicht bei mir! - Dann stand er vor mir, zuckte kurz, ließ den Zeigefinger stecken und sagte: "Vor Ihnen habe ich Angst" - und fuhr bei der nächsten Mitschülerin mit dieser infantilen und unwürdigen Aktion fort. Noch heute koche ich, wenn ich daran denke. Machtmissbrauch, Angstmache, Oben-Unten-Verhältnisse u.v.m. kotzen mich an!

3. An welchen Lehrer erinnerst Du Dich noch genau zurück? Warum gerade an den?

An einige Lehrer/innen, weil sie mir so viel beigebracht haben und außerdem wunderbare Menschen waren. Herr Dr. Güntzschel, der meinen teils rebellischen Freigeist immer sehr unterstützte und damit meine Fähigkeit zu selbständigem Denken förderte. Herr Dr. Korn, der ein genialer Sprachenlehrer war. Mein Kunstlehrer Herr Heidemann, dessen Art, das Schöngeistige zu betrachten, spannend und lehrreich war. Auch vermittelte er mir Grundzügen der menschlichen Wahrnehmung. Nicht zu vergessen: Frau Dr. Steinmüller, die mit uns die Reden von Hitler und Goebbels durchnahm und so Sprache und Psychologie verband, wovon ich ebenfalls bis heute profitiere. Diese Frau fand ich übrigens absolut faszinierend.

4. Was war dein grösster Traum nach dem Abitur?

Mit einem Augenzwinkern ausgedrückt: Die Welt zu erobern!

5. Warum hast Du dann Sprachwissenschaft und Psychologie studiert?

A long story... In der Kurzfassung geht das so: Ich hatte immer sehr vielfältige Interessen und schwankte damals innerlich zwischen Psychologie, Zoologie und Philosophie. "In die Welt hinaus" wollte ich aber auch, und dazu braucht man Sprachen. Ich hatte Glück und hatte schon im zweiten Semester ein Stipendium für Salamanca in der Tasche. Dort war ich am längsten und studierte nebenbei noch Kunstgeschichte. Im Jahr darauf erhielt ich ein Stipendium für Gijon; im dritten Jahr sogar von der spanischen Universität Santander. Durch meine Sprachkenntnisse bekam ich dann ganz gute Jobs. Doch ich wusste nach einer gewissen Zeit: Ich muss Psychologie studieren!

6. Heute setzt Du Dich für Menschenrechte und die Stellung der Frau ein. Wie kam es dazu?

 Ich hatte bereits 9 Jahre IBM Science Center auf dem Buckel. Dort forschte ich in einem interdisziplinären Team über Software-Ergonomie. Neben Technik, Design und

anderem Know-how braucht man dort Wissen über menschliche Wahrnehmung, Lernen, Problemlösen,

Denken. Also ein Gebiet der Psychologie. Eines Tages las ich etwas über Terre Des Femmes e.V. und wurde Mitglied des Vereins. Was ich dort durch tägliche Arbeit und Fortbildungen erfuhr, erschütterte mich bis in die Grundfesten. Irgendwann beschloss ich dann auszusteigen bzw. umzusteigen und verwendete meine Kenntnisse der Psychologie ab da nur noch für die Menschenrechtsarbeit.

7. Was waren Schlüsselerlebnisse während Deiner Tätigkeit bei Terre Des Femmes?

Nur zwei Beispiele aus der Menschenrechtsarbeit: So ziemlich am Anfang meines Engagements kam eine Terre Des Femmes-Kollegin von einer Recherche aus kurdischen Gebieten zurück. Sie hatte Brisantes im Gepäck. Darunter ein Foto, das eine junge Kurdin mit abgeschnittenen Brüsten zeigte. Zwei bewaffnete Männer posierten lächelnd. Sie hatten ein Bein auf den gepeinigten, ermordeten Körper gestellt; als wäre das ein erlegtes Tier! Ich habe mich furchtbar übergeben müssen. Es treibt mir heute noch die Tränen in die Augen, wenn ich daran denke.

Danach waren es Fotos eines befreundeten Journalisten, der in der sog. Kinderpornoszene recherchierte. Ich mag das Foto nicht näher schildern. Später sah ich bei der Kripo, mit der ich bald zusammenarbeitete, noch Grässlicheres: Videos von gefolterten Kindern. Mit Ton. Es ist ohne Worte. Der Ton reicht eigentlich, um wahnsinnig zu werden.

Da habe ich jeweils kalt, klar und endgültig begriffen, wozu Menschen fähig sind und wo mein Platz in der Gesellschaft ist.

8. Wie kam es dazu, dass Du für den Friedensnobelpreis (FNP) nominiert wurdest?

"1000 Women for Peace" und deren Nominierung für den FNP 2005 kam durch eine Schweizer Initiative zustande, die von Anfang an auch von Politiker/innen unterstützt wurde. Die Idee war, die weltweite Arbeit der "peacequeens" endlich sichtbar zu machen; zumal vor, während und nach Kriegen ja immer nur die "warlords" Beachtung finden. Über 2 Jahre lang wurden in über 20 Weltregionen würdige Vertreterinnen aus den unterschiedlichsten Bereichen gesucht. Als ich den Anruf aus der Schweiz erhielt, dachte ich zunächst an einen Scherz! Es war aber keiner. Die offizielle Nominierung der deutschen Vertreterinnen fand im Juni 2005 in Hamburg statt. Sie war so bewegend, dass ich mit den Tränen zu kämpfen hatte, weil man in der Menschenrechtsarbeit eher mit Negativen umzugehen gelernt hat. Übrigens waren wir lt. Insiderinformation auf der "short list". Aber gegen eine rein politische Entscheidung des Nobel-Komitees hatten wir dann keine Chance, den ersten Platz zu erhalten. Dabei wären es ein so wichtiges Zeichen und ein so schöner Anlass gewesen! 1905, also vor genau 100 Jahren, erhielt ja Berta von Suttner als erste Frau den FNP. Für ihre Schrift "Die Waffen nieder!"

9. Was ist heute Dein größter Wunsch?

Ruhe. Ich merke, dass ich in den letzten 15 Jahren ganz schön Federn gelassen habe. Am liebsten würde ich nur noch Bücher schreiben. Sachbücher, Kindergeschichten und Romane.

10. Warum bist Du Mitglied im VHG-Ehemaligen-Netzwerk?

Weil die Zeit im Mädchengymnasium ein Wurzelwerk für mich ist und war. Ich wäre damals froh über mehr Lebenserfahrung, was Studium und Beruf angeht, gewesen. Man muss ja nicht jedes Fettnäpfchen ausschlecken... Manches ließe sich in der Tat vermeiden. Dabei können und müssen die "Alten" helfen.

11. Was würdest Du den heutigen Abiturienten empfehlen?

Schwierige Frage. Die Menschen haben ja unterschiedlichste Strickmuster. Aber vielleicht dieser Tipp: Bevor Ihr Euch für ein Studium oder eine Lehre entscheidet: Überlegt sehr genau, wie Eurer Alltag im jeweiligen, daraus folgenden Berufsleben aussehen wird. Würdet Ihr das wollen? Damit zurecht kommen?

Wärmstens empfehlen möchte ich einen (möglichst längeren) Auslandsaufenthalt. Die Zeit zwischen Abi und Berufsstart ist auch eine Zeit der Herzensbildung, um es mal altmodisch auszudrücken. Nehmt Euch dieses Recht und diese Zeit! Mein Studienjahr in Spanien hat meinen Horizont erheblich erweitert. Viele Erfahrungen - auch die mit mir selbst - hätte ich in Deutschland nie gemacht.

Allgemein soll man während des Studium über den Tellerrand schauen. Geht in Vorlesungen oder Seminare, die nicht zu Eurem Studienbereich gehören!

Und am Schluss noch den Satz eines etwas schrulligen Psychologieprofessors von mir: "Niemand hat das Recht, Ihre Lebenszeit zu vergeuden. Niemand!" Diese Erkenntnis hat mir immer geholfen, denn manchmal muss man im Leben auch klare Grenzen und Schlussstriche ziehen.