Interview mit Susanne Kraft
"Everything is exercise. Happiness is now."
Susanne Kraft stieg nach Studium und Drehbuchwerkstatt 2001 als Autorin und Storylinerin bei der Kultserie „Lindenstraße“ ein. Seit 2007 schreibt und entwickelt sie für die bayrische Erfolgsserie „Dahoam is Dahoam“. 2010 Krimiromanadaption „Seenot“ - ein Bodenseekrimi mit der Konstanzer Tatort Kommissarin Klara Blum.
1. Zeit am VHG/Mädchengymnaium Lindau: An was erinnerst du dich sehr gerne zurück?
Die Pausen; einige Lehrer; unsere Strickorgien unter den Schulbänken; Grundkurs Dramatisch Gestalten; Klassenfahrt nach Rom; Orffscher Missklang und Kinderoper unter der streng-gütigen Hand von Donna Guizetti-Zier; erstes selbst fabriziertes Gulasch im Haushaltsunterricht; Freunde, Freundinnen, erste Lieben.
2. Welches Erlebnis am VHG/Mädchengymnasium hat dich besonders geprägt?
Es sind vor allem einige herausragende Persönlichkeiten, die mich in meiner Schulzeit geprägt haben: Frau Dr. Steinmüller – ihr Deutschunterricht war die beste Vorbereitung für alles weitere Lernen, Denken, Schreiben; Theaterspielen unter der Regie von Dr. Finkous – kreativer Lichtblick im oft öden und uninspirierten Schulalltag; Vertrauenslehrer Dr. Wentzlaff-Eggebrecht und Herr Agneskirchner, Leistungskurslehrer Deutsch, die mich in einer nicht unwesentlichen Entscheidung meinen schulischen Werdegang betreffend sehr engagiert und einfühlsam begleitet haben.
3. An welchen Lehrer erinnerst du dich noch genau zurück? Warum gerade an den?
Ganz besonders an s.o.; und natürlich an die guten Pädagogen, die Lernen zu einer sinn- und lustvollen Sache werden ließen (zugegeben dünn gesät, aber die Herren Kusche und Güntzschel machten das z.B. ganz hervorragend); an Klaus Weiß, Religion, der sich tapfer immer wieder auf beinharte Diskussionen um Sinn- und Glaubensfragen mit existenzialistisch-revolutionär vor sich hin pubertierenden nach-68er-Mädchenklassen einließ; natürlich und leider auch an die erschreckend vielen Lehrkräfte, die offensichtlich für diesen Beruf nicht geboren waren, ihn aber dennoch ergriffen haben, aus welchen Beweggründen auch immer – die Liebe zur Lehre oder zu den Menschen kann es nicht gewesen sein.
4. Was war dein größter Traum nach dem Abitur?
Schauspielerin werden, schreiben, die Welt bereisen.
5. Warum hast du Germanistik, Psychologie und Theaterwissenschaft studiert?
Frühe Prägung und Neigung (s.o.); allerdings erst nach ersten beruflichen Erfahrungen und Erfolgen (und der Erkenntnis, dass ohne akademische Ausbildung so manche Tür verschlossen bleiben würde).
6. Heute bist du Autorin und Storylinerin für die Lindenstraße. Wie kam es dazu?
Wie es so läuft im Leben – immer anders als man denkt. Wollte nach langjähriger Tätigkeit im redaktionell-kulturellen Bereich nach erfolgreichem Magister eigentlich promovieren, aber da gab es auch noch diese Ausschreibung der Hochschule für Film und Fernsehen in München, die jährlich zehn Stipendien für ihre Drehbuchwerkstatt vergibt. Schönes Konzept, spannende Leute, ein Jahr Zeit und Geld und professionelle Unterstützung, um einen ersten abendfüllenden Film zu schreiben – eine Herausforderung, die ich gerne annahm. Mit dem Ergebnis, dass nach Abschluss des Stipendiums ein Kontakt zu meiner Lieblingsserie zustande kam, die gerade dringend eine neue Autorin suchte. Es passte perfekt, für beide Seiten.
7.Über was handelt dein Buch „Starke Mädchen, starke Frauen“? Und warum gerade dieses Thema? Wie kam es zu dem Buch?
Mit der Idee zu dem Buch kam Sabine Zürn auf mich zu, langjährige Redaktionsleiterin Jugendsachbuch im Ravensburger Verlag und Sandkasten-, Kindergarten-, Grundschul- und VHG-Schulfreundin von mir. Wir wollten ein Buch über moderne weibliche Lebensläufe machen, die Mädchen ab 12 eine Orientierung und Ideen über ihre eigenen Lebensentwürfe geben sollen und den Mut, diese auch wirklich umzusetzen, egal wie viel von Seiten der Familie, der Gesellschaft oder der real existierenden Möglichkeiten dagegen spricht. Im Rahmen von biographischen Porträts und Interviews werden 24 Schauspielerinnen, Politikerinnen, Wissenschaftlerinnen, Sportlerinnen, Models, Stars etc. vorgestellt, wie sie geworden sind, was sie sind. Dazu gibt es viele Sachinformationen, Buchtipps und Links, für alle, die sich weiter informieren wollen. Wir wollten ein Buch machen, dass die Augen öffnet für die spannenden und oft unkonventionellen Lebensläufe von Frauen, die ihre Vision und ihren Willen selbstbewusst durchsetzen in einer Welt, die weiterhin sehr von patriarchalen Strukturen geprägt ist.
8. Was ist heute dein größter Wunsch?
Das dritte Jahrtausend stellt uns vor enorme Herausforderung, was den Fortbestand dieses Planeten und unserer Zivilisation betrifft. Im Moment scheint das offensichtlich noch nicht ins Bewusstsein jedes Einzelnen vorgedrungen zu sein. Oder vielleicht ist die Bedrohung bereits so spürbar, dass automatisch der Prozess der Verdrängung einsetzt, um nicht verrückt zu werden. Die wirtschaftliche Globalisierung, die drohende Klimakatastrophe, die Radikalisierung des Islam, Verletzung der Menschenrechte in demokratisch regierten Ländern – die Faktoren, die auf Einschränkung bis Verlust eines würdigen Lebensraumes und gültige Absprachen über sozio-kulturelle Minimalstandards hinweisen, häufen sich in erschreckender Zahl. Deshalb wünsche ich mir, dass die Menschen sich wieder mehr auf ein humanes Miteinander besinnen, geprägt von Toleranz, Liebe und Gewinn auf menschlicher, nicht so ausschließlich auf materieller Ebene.
9. Was würdest du den heutigen Abiturienten empfehlen?
Sich fragen, was man will und was man kann. Welche Werte einem wichtig sind. Welche Institutionen, Firmen, politische Gruppierungen, Aktionen man gut findet und unterstützen würde. Mit dem Profil, das sich aus den Antworten ergibt, sich orientieren: Wo ist ein guter Ort auf dem globalen Arbeitsmarkt, auch wenn er vielleicht nicht den Wünschen der Eltern oder den Vorstellungen des/der derzeit Liebsten entspricht? Will/muss man wirklich studieren? Kann man sich schon für eine Fachrichtung entscheiden oder sollte man erst mal ein Jahr ins Ausland? Wichtig ist es, Erfahrungen zu sammeln, mit sich und mit anderen, um zu wissen, wo die eigenen Stärken und Schwächen liegen. Denn Stärke wird gefordert sein in der kommenden Erwachsenenwelt, und mit Schwächen lässt sich am Besten leben, wenn man um sie weiß und angstfrei damit umgeht. Nobody is perfect. Auch nicht die, die so tun, als wären sie es doch. Und jeder Lebensweg ist anders. Auf meinem habe ich diese Sätze immer im Handgepäck: Everything is exercise. Happiness is now.

